Geschichte

Pionierarbeit der Evangelischen Stadtmission
1882 bis 1921

 Die Anfänge des Diakonischen Werks Karlsruhe sind verknüpft mit der Geschichte der Stadtmission (heute Evang. Stadtmission Karlsruhe e.V.).  Am 21. Februar 1882 beschlossen Karlsruher Christen  "mit Gottes Hilfe eine Stadtmission in Karlsruhe ins Leben zu rufen." Hierbei ging es darum, fürsorgerische Arbeit für meist zugewanderte Menschen aufzunehmen, denn "die mit vielfacher Arbeit überbürdeten Pfarrer der Städte sind meist auch beim besten Willen außerstande, den Kirchenfremden, den Gefährdeten und Gefallenen, insbesondere den zugewanderten Jugend sich seelsorgerlich und freundschaftlich anzunehmen. Hier liegt das Gebiet der inneren Mission, das ihr schon Herold Wichern zugewiesen hat."

Soweit die damalige Begründung der Notwendigkeit dieser "Stadtmission" die danach viel Pionierarbeit leistete: Unterstützung von Armen und Durchreisenden, Krankenpflege, Besuchsdienst, Sonntagsschule oder Kindergottesdienste, Fürsorge für die männliche und weibliche Jugend, Betreuung von Kellnern, Bäckern, Soldaten, Gefährdeten und Inhaftierten. Es war ein breites Feld, und die Arbeit wurde je nach Notwendigkeit und finanziellen Möglichkeiten getan.

 
Jugendfürsorge als Schwerpunkt in den 20ern - 
Gründung des Evangelischen Jugend- und Wohlfahrtsdienstes 1923
1922 bis 1933


 Diese Aufgaben überstiegen die Kräfte des freien Vereins. So beschloß der Kirchengemeindeausschuss Karlsruhe, für die Fürsorgearbeit an der Jugend einen besonderen Jugendpfarrer anzustellen. Seine Aufgabe war, sich um Jugendliche zu kümmern, deren Fälle vor das städtische Jugendamt oder auch vor das Amtsgericht (Jugendgericht) kamen, sie zu betreuen und zu begleiten.

Der erste Jugendpfarrer, Robert Horning, trat am 1. August 1921 seinen Dienst an. Da er bald darauf  zum Landesjugendpfarrer ernannt wurde, übernahm Stadtvikar Heinz Kappes die Aufgabe. Hierbei sollten die Pfarreien "eine möglichst große Zahl von Hilfskräften gewinnen, welche in einer (möglichst kleinen) Zahl von Häusern die Wohlfahrts- und tunlichst auch die Fürsorgearbeit in Händen hat". 1923 wurde hierfür der "Evangelische Jugend- und Wohlfahrtsdienst" gegründet, der später zwei mal umbenannt wurde und heute unter dem Namen Diakonisches Werk Karlsruhe arbeitet.

Aus dieser Arbeit entwickelte sich auch die Erholungsfürsorge für Kinder, die im Jahr 1924 erstmals mit 250 Kindern auf dem Gelände des CVJM durchgeführt wurde und die Notwendigkeit zum Bau der Gustav-Jacob-Hütte im folgenden Jahr ergab.

Evangelische Fürsorgetätigkit während der Zeit des dritten Reichs
1933 bis 1945


 Im Jahr 1933 hatte der Evangelische Jugend- und Wohlfahrtsdienst drei Fürsorgekräfte und zwei Büroangestellte, um "die von den einzelnen Kirchengemeinden geleistete Wohlfahrtsarbeit zusammenzufassen, sie in die kommunale und staatliche Fürsorge einzugliedern und diese letztere durch die persönlichen fürsorgerischen und seelsorgerischen Dienste an den Betreuten möglichst zu intensivieren."

Pfarrer Kappes wurde 1933 aus politischen Gründen versetzt - er gehörte zu den religiösen Sozialisten. Seine Aufgabe übernahm Pfarrer Wilhelm Geiger.

Im Jahre 1938 wurde Pfarrverwalter Schaal zum Leiter des Evangelischen Jugend- und Wohlfahrtsdienstes (EJWD) ernannt. Doch der Staat kürzte die Mittel. Man wollte, daß sich die Tätigkeit des EJWD nur auf die Fürsorge Erbkranker beschränkte. Man rechnete damit, daß damit der EJWD in kurzer Zeit absterben würde. Tatsächlich ging die Arbeit auch zurück. Zuletzt wurde diese nur noch an einem Tag in der Woche von einer Kraft geleistet. Die Kirchenleitung ordnete am 1. November 1940 an, daß der EJWD nun  "Evangelischer Gemeindedienst" heißen solle, weil Bezeichnungen von kirchlichen Stellen wie "Jugend", "Wohlfahrt" oder "Jugendwohlfahrt" in der Nazizeit nicht mehr möglich waren.

Während des Krieges wurde die Arbeit von Pfarrer Dreher zusätzlich zu seiner Arbeit als Gemeindepfarrer weitergeführt.

 
Wiederaufbau der "Inneren Mission"
1945 bis 1959


 Am 29.1.1946 löste Pfarrer Hans-Joachim Stein diesen in der Leitung des Evangelischen Gemeindedienstes ab. Es galt - trotz des Zusammenbruchs aller Einrichtungen - die Arbeit der "Inneren Mission" (so die damalige Bezeichnung der Diakonie) voll leistungsfähig wiederaufzunehmen und aufzubauen.

Das Haus war stark beschädigt, Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen mußten gesucht werden. Im Jahr 1946 arbeiteten im Gemeindedienst zwei Fürsorgerinnen, ein Fürsorger, eine Sekretärin, drei Praktikanten und das Personal für eine Großküche.

1952 übernahm Pfarrer Kappes wieder die Leitung des Gemeindedienstes. Seine Arbeit umfaßte Familienfürsorge, Kinderfürsorge mit Erholungsfürsorge, weibliche und männliche Jugendliche mit angegliederten Aufgaben wie Flüchtlingsfürsorge, Müttererholung, Landkreisfürsorge, Kleider- und Lebensmittelausgabe, Marthaküche für Bedürftige und Durchwanderer und Bahnhofsmission.

 
Erweiterung und Professionalisierung
1959 bis 1976


 Nachdem Pfarrer Kappes 1959 in den Ruhestand ging, übernahm Pfarrer Gerhard Leiser die Leitung es Evangelischen Gemeindedienstes. In den 17 Jahren, in welchen er die Verantwortung für die Arbeit trug, erweiterte sich die Arbeit beträchtlich. "Neben den traditionellen Aufgaben der Jugendfürsorge für Gefährdete und Pflegekinder, für arme Familien und Durchwanderer sind andere Aufgaben hervorgetreten: so die Fürsorge für Häftlinge und Geisteskranke, insbesondere Altersgebrechliche, die Suchtkrankenfürsorge, die Adoptionen, die Mütter- und Altenerholung örtlich und in Kurheimen, die Betreuung von Gastarbeitern. Die Fürsorge für den Landkreis (durch eine Fürsorgerin und einen Fürsorger) und die Flüchtlingsfürsorge ist in den Gemeindedienst eingegliedert worden. Angeschlossen waren das Waldheim, ein kleineres Jugendfreizeitheim in Oberotterbach und die Telefonseelsorge (diese heute in der Trägerschaft der Evangelischen und Katholischen Kirche in Karlsruhe).

Schon in diesen Jahren arbeitete man in enger Vernetzung mit dem Jugend- und Sozialamt, dem Jugendgericht, der Ehe- und Verlobtenberatungsstelle, dem Hauspflegeverein und zahlreichen anderen Organisationen. Die Basis für die Arbeit bildete immer auch die Zusammenarbeit mit den Pfarrgemeinden, ihren haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Pfarrer Leiser übernahm im Jahr 1976 wieder ein Gemeindepfarramt.

 
Die "goldenen" 70er - Soziales wird Groß geschrieben
1976 bis 1985


 Sein Nachfolger wurde Pfarrer Dr. Gerhard Hager , der den Evangelischen Gemeindedienst bis 1985 leitete. Diese neun Jahre waren gekennzeichnet von einer großen Erweiterung der Arbeit. Es war auch die Zeit, in der von Bund, Ländern und Städten subsidiär Aufgaben übertragen und übernommen wurden, wie z.B. Schwangerschaftskonfliktberatung. Unter anderem wurde die Arbeit mit psychisch kranken Menschen begonnen (Club Pinguin), Krebsberatung angeboten, eine Nachbarschafthilfe aufgebaut. Auch die Sozialstationen gehörten zum Arbeitsbereich des Gemeindedienstes. Dem Zustrom an Aussiedlern wurde eine Aussiedlerberatung zur Seite gestellt und in der damaligen Zentralen Anlaufstelle für Flüchtlinge mit Flüchtlingsarbeit begonnen. In diese Zeit fiel auch der Zusammenschluß des Diakonischen Werks als Wohlfahrtsverband mit der Liga der freien Wohlfahrtspflege. In Durlach hatte sich in dieser Zeit ebenfalls ein Gemeindedienst der dortigen Kirchengemeinde entwickelt.

Ökumene schafft Freiräume 
1986 bis 2000


 Mit dem 1.1.1986 wurden die beiden Gemeindedienste Karlsruhe und Durlach zum Diakonischen Werk des Evangelischen Kirchenbezirks Karlsruhe und Durlach zusammengefaßt, wobei die Krankenpflege (Sozialstationen) bei der Evangelischen Kirchengemeinde verblieb. Seit dem 1.3.1985 ist Pfarrer Hans-Peter Karl der Direktor dieses Diakonischen Werks Karlsruhe.

Besonders in den folgenden Jahren wuchs eine sehr enge Zusammenarbeit mit dem Caritasverband Karlsruhe e.V. Gemeinsame Einrichtungen wurden geschaffen, so der Hospiz-Dienst, das Begegnungs- und Beratungszentrum für Flüchtlinge, der Club Pinguin zu einem Zentrum für psychisch Kranke erweitert, mit der Stadt Karlsruhe und dem Caritasverband ein Sozialpsychiatrischer Dienst eingerichtet und in jüngster Zeit in dieser Dreier-Trägerschaft ein Ambulantes Zentrum Für Seelische Gesundheit gegründet, in welchem Club Pinguin, eine Tagesstätte für psychisch Kranke und der Sozialpsychiatrische Dienst zusammengefaßt sind.

  

Neue Herausforderungen unter neuen Marktbedingungen - Diakonie im neuen Jahrtausend

Neu sind Entwicklungen, die versuchen, mit dem wirtschaftlichen Betrieb gewerblicher Art - die Second-Hand-Läden Jacke wie Hose ,Rappelkischt und Kaufhaus KASHKA sowie dem Dienstleistungszentrum - der Diakonischen Arbeit ein zusätzliches Standbein zu verschaffen. Hier ist als Beitrag gegen die ständig steigende Armut in einem Teil der Bevölkerung die Versorgung der Menschen mit preiswerten gebrauchten Kleidern und Möbeln im Blick, verbunden mit sinnvollem Recycling und der Schaffung von festen Arbeitsplätzen für bis dahin arbeitslose Menschen.

 Es ist zu hoffen, daß wegbrechende Mittel (vor allem kirchliche) mit Hilfe der erzielten Gewinne ersetzt werden können, um weiterhin Hilfsprojekte des Diakonischen Werks fortführen zu können, wie z.B. Arbeit mit Kindern im Waldheim oder auch die Therapie an Kindern alkoholkranker Eltern.

 Das Gesicht unserer sozialen Landschaft verändert sich ständig. Besonders die Wohlstandsgesellschaft, die sich zunehmend zur "Zweidrittelgesellschaft" entwickelt, läßt immer wieder Menschen oder auch ganze Bevölkerungsgruppen in das soziale Aus fallen. Durch die internationalen Beziehungen werden Probleme zu uns geschwemmt - seien es die Flüchtlings und Migrantenströme, oder auch durch die allgemeine Fluktuation, die ihre Auswirkung auf Familien und besonders alte Menschen hat. Durch die demoskopische Entwicklung - immer mehr alten folgen immer weniger junge Menschen - entstehen ganz neue, gesellschaftliche Strukturen. Diakonie darf angesichts all dieser Veränderungen nicht stehenbleiben, sondern muß sich immer wieder neu den gegebenen Herausforderungen stellen.

Auch die bestmögliche Gesellschaft - die wir sicher nicht haben - hinterläßt Opfer, da der Mensch nicht in Systeme einzupassen ist - dies solange nicht, wie er lebendig bleibt. Leben hat aber auch seine dunklen Seiten - Krankheit, Versagen, Not und Tod. Die Diakonie und hier das Diakonische Werk Karlsruhe will Menschen in all diesen Nöten beistehen. Das ist sein Auftrag, den es im Vertrauen auf die Liebe Gottes zu den Menschen heute und in aller Zukunft durchführen will. 

 
 
Weitere Informationen zur Geschichte der Diakonie allgemein gibt es auf www.diakonie-geschichte.de und auf www.wichern2008.de