Wo Kirche zur Heimat wird

von Judith Weidermann

Seit fünf Jahren gibt es die Karlsruher Vesperkirche – ein Rück- und Ausblick

Die 5. Karlsruher Vesperkirche ist Anfang Februar zu Ende gegangen. Gemeinsam mit dem Team aus insgesamt 380 Ehrenamtlichen (davon jeden Tag 55 vor Ort) war Pfarrerin Lara Pflaumbaum (im Bild mit dem Ehrenamtlichen Dieter Eger) vier Wochen lang täglich im Einsatz.

Wodurch hat sich die 5. Vesperkirche von denen der Vorjahre unterschieden?
Lara Pflaumbaum
: Tendenziell war der Andrang ein wenig höher, was erstaunlich ist, da wir für Januar ja sehr milde Temperaturen hatten. Sonst war die Kirche nur bei Minusgraden so voll. An manchen Tagen mussten wir diesmal tatsächlich mit Platzanweisungen arbeiten, vor allem sonntags. 

Was könnten die Gründe dafür sein?
Es hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass hier immer Anfang Januar die Vesperkirche startet. Inzwischen haben wir praktisch schon eine feste „Vesperkirchen-Gemeinde“. Die Lebensgeschichten vieler Stammgäste begleiten uns seit Jahren.

Hat sich noch etwas verändert?
Ich habe beobachtet, dass die Dankbarkeit bei unseren Gästen zugenommen hat, bzw., dass es ihnen inzwischen leichter fällt, das auch auszudrücken und mit uns Mitarbeitenden ins Gespräch zu kommen. Vorhandene Barrieren fallen allmählich, und das Vertrauen nimmt zu. Ein Beispiel: Einer der Gäste war immer unnahbar, ja direkt abweisend und schroff. In diesem Jahr hat er zum ersten Mal geredet und sich anderen gegenüber geöffnet.

Wie wird Vesperkirche in der Öffentlichkeit wahrgenommen?
Vor fünf Jahren wurde sie von den meisten als ein interessantes – aber auch einmaliges Projekt angesehen, ein Experiment. Gerade in der Südstadt war die Vesperkirche nicht unumstritten. Inzwischen ist sie voll akzeptiert und gehört quasi zum Stadtteil dazu. Es ist klar geworden, dass Vesperkirche nicht punktuelle Armutsbekämpfung ist, sondern ein Stückweit Bewusstseinsbildung: Unterschiedliche Menschen treffen hier aufeinander, sehen, wie die jeweils anderen leben, und achten einander. Das ist auch von politischer Bedeutung. Wir machen hier mittlerweile immer mehr Quartiersarbeit – gerade auch durch das Café DIA.

Welche Rolle spielt hierbei, dass der Ort, wo alles stattfindet, eine Kirche ist?
Für unsere Gäste ist das sogar sehr wichtig! Die größten Haudegen werden hier still und achten auf Ruhe und angemessenes Benehmen im Kirchenraum – bei sich selbst, und auch bei den anderen.
In diesem Jahr haben auffallend viele Gäste an den Andachten zum Tagesabschluss teilgenommen, das war wirklich bemerkenswert.

Was bedeutet Ihnen das persönlich?
Es ist natürlich erstmal ein tolles Gefühl zu merken, da kommt was bei den Leuten an!
Die meisten Menschen, die in die Vesperkirche kommen, gehören zu einer Gruppe der Gesellschaft, die unsere Kirche leider viel zu wenig im Blick hat. Ich finde, es ist eine wichtige, wenn nicht gar eine unserer Kernaufgaben als Kirche, gerade diese Leute zu erreichen. Ich betrachte es als geistliche Herausforderung herauszufinden, was sie von uns brauchen; und ich betrachte es als geistlichen Auftrag von Vesperkirche, Kirche zu einem Ort zu machen, wo Menschen ein Stück Heimat finden können. Gerade jene, die ansonsten eher haltlos und verloren sind.

Gibt es deshalb auch das Café DIA?
Im Prinzip – ja. Das Café DIA ist eine Weiterführung der Vesperkirche auf einer anderen Ebene. Hier sind die Gäste noch viel stärker aktiv ins Geschehen eingebunden und beteiligen sich selbst. Es wird deshalb auch in diesem Jahr wieder Angebote wie Fahrradworkshops und gemeinsame Mal-Projekte geben. Weil für viele Gäste ihr Hund oder ihre Katze so wichtig ist, überlegen wir auch ein Angebot, bei dem mit Tieren gearbeitet wird.    

Die Fragen stellte Judith Weidermann

 

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