"Luis.e" zieht Bilanz

von Luise Winter

Ein Jahr Prostituiertenschutzgesetz in Karlsruhe und Region

Bilanz Luis.e 2018Karlsruhe – 23.11.2018. Zum 1. November 2017 ist in Baden-Württemberg das Ausführungsgesetz zum Prostituiertenschutzgesetz in Kraft getreten. Dies hatte signifikante Auswirkungen auf die Arbeit von „Luis.e“, der Beratungsstelle für Prostituierte des Diakonischen Werkes Karlsruhe – es kam zu einem auffälligen Anstieg der Beratungsfälle.

Hatten die Kolleginnen im Jahr 2017 eine Gesamtzahl von 84 Beratungen, so ist diese Zahl bereits im ersten Halbjahr 2018 fast erreicht worden – von Januar bis einschließlich Juni haben diese bereits 60 Beratungen durchgeführt. „Eine genaue Zahl der Kontakte zu benennen ist dabei gar nicht so einfach“, erläutert Anita Beneta, Bereichsleitung Soziale Arbeit, Migration und Integration. „Pro Nacht kommt es von mindestens neun bis hin zu 28 Kontaktaufnahmen, sowohl auf dem Straßenstrich als auch in den Establishments. Einige Personen treffen unsere Sozialarbeiterinnen regelmäßig, andere sehen sie nur einmal. Rechnet man die Zahl auf die Nächte hoch, in denen die Kolleginnen unterwegs waren, so kommt für das erste Halbjahr 2018 eine Gesamtzahl von ca. 400 Kontaktaufnahmen innerhalb Karlsruhes zustande.“ Schon im Vorfeld, also seit Juli, hätte die Zahl der Kontaktaufnahmen angezogen – dies zeige, dass die Vorinformationen zwar da gewesen seien, dass diese jedoch oftmals zu mehr Fragen geführt hätten. Zu den Auswirkungen des Gesetzes auf die Arbeit von "Luis.e“ stellt Beneta fest: „Wir haben bemerkt, dass die Umsetzung durch die Behörden hier in Karlsruhe sehr zügig angelaufen ist.“ Auffällig sei vor allem, dass die Themen der Klient*innen sich verschoben hätten: „Es gibt vermehrt Fragen zum Thema ‚Steuern‘. Zudem gibt es große Unsicherheiten und Ängste bezüglich der personenbezogenen Daten.“ So habe zum Beispiel eine Klientin einen Steuerbrief nach Hause erhalten, in dem das Wort ‚Prostitution‘ vorgekommen sei – ihre Familie habe bis dahin nichts von ihrem Job gewusst. Diese Unsicherheit im Bereich Datenschutz habe auch dazu geführt, dass vermehrt Klient*innen aussteigen möchten – und dabei Unterstützung benötigen.

„Wir konnten den gestiegenen Bedarf an Beratungsangeboten im zweiten Halbjahr durch zwei neue Projekte abfedern“, berichtet Anita Beneta. „Das Ministerium für Soziales und Integration stellte uns Mittel zur Verfügung, um zwei Fachkräfte mit Teilzeitdeputaten für die aufsuchende Arbeit in die Region zu entsenden. Im Zuge dessen haben diese seit Juni 22 Beratungen durchgeführt – insgesamt kam es zu über 200 Kontakten.“ Die beiden Fachkräfte hätten auch von September bis November eine Schulungsreihe für Behördenmitarbeiter*innen durchgeführt, die sehr gut angenommen worden sei. Leider ende jedoch die Förderung der beiden Zusatzprojekte im Dezember 2018. Das sei extrem bedauerlich, da die Fachkräfte im täglichen Geschäft bemerkten, wie sich der Beratungsbedarf stetig erhöhe.

Anita Beneta erklärt: „Es ist ein ‚Schutz‘-Gesetz. Wir können unsere Klient*innen nur gut schützen, wenn wir sie umfassend informieren und ihnen nachhaltig weiterhelfen. Leider sind wir dafür im Augenblick nicht ausreichend finanziert.“ Viele Dinge liefen jetzt zum ersten Mal an, viele Auswirkungen des Prostituiertenschutzgesetzes seien also noch nicht deutlich geworden. „Die ersten Polizeikontrollen haben stattgefunden und die Finanzämter haben jetzt das erste Mal Post von den Ordnungsämtern bekommen. Schon jetzt ist bemerkbar, dass der Beratungsbedarf in die Höhe schnellt. Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem wir mit zwei halben Stellen nicht mehr gewährleisten können, dass jede*r Klient*in bei uns qualitativ einwandfrei und nachhaltig beraten wird.“

Durch die neuen Hürden im „echten Leben“ bemerkten sie und ihre Kolleginnen auch, dass es seit November 2017 zu einer Verlagerung der Szene ins Internet und in andere Räume, wie zum Beispiel in Hotels oder in Privatwohnungen komme. „Dies erschwert unsere Arbeit – viele Messinstrumente fallen damit für uns weg“, bedauert Beneta.

Dass die Stadt das Problem erkannt hat, zeigte sich am 21. November. An diesem Tag stimmte der Gemeinderat dem Antrag auf eine Erweiterung der Beratungsstelle zu. „Darüber freuen wir uns natürlich sehr und wir möchten uns, auch im Namen unserer Klient*innen, ganz herzlich bedanken“, kommentiert Direktor Wolfgang Stoll. (lw)

(Bild: Diakonisches Werk Karlsruhe)

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